Warum uns Kränkungen so tief treffen

Die meisten von uns haben in ihrem Leben schon mehr als eine Kränkung erfahren oder haben einen anderen schon mal gekränkt. Aber warum treffen uns Kränkungen so tief drinnen und warum ist es für das Außen oft nicht ersichtlich wie tief der Schmerz sitzt?

Hier liefert uns schon der Name „Kränkung“ eine erste Erklärung, denn Kränkungen machen uns tatsächlich krank. Sie schwächen uns, sie treffen uns in unserem Urschmerz. Verletzungen, die wir in unserer Kindheit erfahren haben, werden hier wieder brutal und meist ohne Vorankündigung aufgerissen. Unsere kindlichen Überlebensstrategien, die uns damals vor zu viel Kränkung und Schmerz beschützt haben, helfen uns im Erwachsenenleben auf einmal nicht mehr. Ganz im Gegenteil: die Kränkung und der damit verbunden Schmerz wird durch unsere ursprünglichen Strategien noch verstärkt. Kurz: Das was für uns als Kind hilfreich, ja sogar überlebensnotwendig war, funktioniert im Erwachsenenleben auf einmal nicht mehr und stürzt uns nicht selten in eine tiefe Verzweiflung.

Klingt hoffnungslos? Muss es aber nicht unbedingt sein. Denn genau in diesen Momenten des Schmerzes bekommen wir jedes Mal aufs Neue die Möglichkeit genau hinzusehen. Hinzusehen woher dieser Schmerz kommt, ihn anzunehmen, ihn dadurch ein Stück weg zu heilen und vor allem auch anzuerkennen. Denn tatsächlich ist es nicht immer die gegenwärtige Kränkung, die alleine für diesen unsagbar tief empfundenen Schmerz verantwortlich ist.

Reinhard Haller schreibt „…Kränkungen führen als Angriff auf das Selbstbild regelhaft zu Krisen, also zu psychischen Notsituationen… Wenn es gelingt, die jeder Krise zugrunde liegende Kränkungen zu erkennen und sich ihr zu stellen, können sich daraus sogar ungeahnte Chancen entwickeln… jene der Persönlichkeitsstärkung und Überwindung oder der Souveränität durch Verzeihenkönnen…“

Es lohnt sich hin zu sehen und es lohnt sich, trotz all der Schmerzen, sich auf den Weg zu machen. Denn, wenn wir hinschauen und den Schmerz dort annehmen und heilen, wo er geschehen ist, lassen wir Wachstum zu und können mit künftigen Kränkungen gelassener umgehen.