Haben wir verlernt, miteinander zu reden? Wie wirken sich Soziale Medien, Apps und digitale Plattformen auf unser Leben und unsere Beziehungen aus. Mit diesem Thema beschäftigt sich das aktuelle Magazin WOMAN (Nr. 15) und bat mich um meine Gedanken dazu…

Immer mit einem Blick am Handy sein – es könnte ja jemand anrufen, schreiben… das bewusste ZUHÖREN sich auf das Gegenüber zu konzentrieren wird so fast unmöglich, während das Handy, die unterschiedlichsten Töne von sich gibt. Nebenbei mal schnell zu antworten ohne zu registrieren, dass man in dieser Zeit gar nicht mehr wahrnimmt, was um einen herum geschieht, geschweige denn der Gesprächspartner erzählt. Sehen Sie sich mal bewusst um, bei wie vielen Treffen, die Menschen mit ihrem Handy beschäftigt sind, anstatt sich mit der Person auseinander zu setzen, mit der sie sich im „realen“ Leben getroffen haben… Auch, dass es heutzutage den Begriff „reales“ Leben überhaupt gibt, zeigt wie sehr sich vieles tatsächlich virtuell abspielt. Es kommt mitunter vor das an einem Tisch alle Beteiligten – Generations unabhängig – durch ihre Handys abgelenkt sind, dass kein Raum mehr für Kommunikation bleibt. „Ich schau nur kurz…“ Oft kann man beobachten wie schon kleine Kinder erfolglos versuchen ihren Eltern etwas zu erzählen und einfach nicht „gehört“ werden. Dieses „nicht gehört werden“, hat weit aus schwerwiegendere Folgen als man vermuten möchte. Dies kann sich schnell zu einem negativen Glaubenssatz wie zum Beispiel: „Mir hört ja eh keiner zu“ oder „ich bin es nicht wert“… entwickeln, der in späteren Beziehungen dann wieder ganz stark gefühlt wird und nicht selten zu Beziehungsproblemen sowie Probleme mit dem Selbstwert führt.

Bitte nicht anrufen! – ein neuer Trend? Wir teilen uns lieber selber ein, wann und wie wir unsere Aufgaben erledigen – durch die Flut an Nachrichten kann da im Telefonat schon mal einiges an Information verloren gehen. Gerade im Job, könne wir via Mail dann in Ruhe nochmals nachlesen, was zu tun ist – haben wir auch alles richtig verstanden, was hat der oder die gerade nochmal gesagt? Meist erledigen wir hundert Dinge gleichzeitig, das machen wir auch während eines Telefonats, um nicht kostbare Zeit zu verlieren. Beobachten Sie einmal wie Ihr nächstes Telefonat abläuft. Sitzen Sie entspannt irgendwo und können sich auf das Gespräch einlassen, oder läuft neben bei das Radio oder der TV, beantworten Sie gerade Mails oder fahren Sie Auto? Gehen Sie auf der Straße oder zahlen Sie gerade an der Supermarkt-Kassa? Wir machen selten nur eine Sache und verlieren so unsere Aufmerksamkeit. Wir hören dann auch nicht mehr richtig zu. Denn auch, wenn „Multitasking“ in aller Munde ist, kann unsere Gehirn nicht alles parallel erledigen und abspeichern, sondern das geschieht immer hintereinander… das zwar schnell, aber da geht eben auch einiges verloren. Im Job nicht immer von Vorteil – daher lieber ein Mail, in dem wir nochmals nachlesen können, was denn der Anrufer eigentlich wollte…

Noch ein Vorteil der schriftlichen Nachricht: wir können den Zeitpunkt bestimmen und müssen nicht sofort agieren. Nicht wie im Telefonat, in dem wir sofort eine Antwort geben und uns direkt und quasi„ungeschützt“ mit der Person auseinander setzen müssen. Nicht allen ist das immer angenehm. Durch Nachrichten verschaffen wir uns in prekären Situationen eine hilfreiche Distanz und auch die nötige Zeit überlegter handeln zu können. Wir handeln dadurch bewusster und können die Worte, die im Affekt fallen und ungefiltert in einem Streit aus einem heraussprudeln, nochmals überdenken und Maßnahmen ergreifen uns nochmals zu sammeln und zu schauen, was da gerade alles hochkommt und welche Worte auch wirklich gesagt werden wollen. Ein weiterer Vorteil der heutigen, digitalen Kommunikationsmöglichkeiten, ist, wenn es darum geht aus einer Notsituation rasch Hilfe zu holen. Da konnte die digitale Geschwindigkeit schon einige Leben retten.

Kennenlernen mit Sozialen Medien – Barrieren fallen schneller, Gespräche bzw. Nachrichten werden mutiger, offensiver da wir ja in den eigenen, sicheren Vier-Wänden agieren und schreiben und nicht face to face… Es baut sich so schneller eine „Intimität“ auf, die aber vorerst nur auf dem Bildschirm funktioniert. Denn wir können uns von unserer Zuckerseite präsentieren, ohne uns der Gefahr sofort beurteilt zu werden, auszusetzen.

Sprich einerseits gehen wir schneller in die Tiefe, aber zeigen auch bewusst nur das von uns, was wir zeigen möchten. Wir können uns zum Beispiel virtuell entspannt und cool zeigen, aber im wirklichen Leben haben wir doch lieber alles unter Kontrolle. Bei der Begegnung im realen Leben kann es dann auch gerne mal zu unliebsamen Überraschungen kommen und das Bild, das wir uns ausgemalt haben, funktioniert nicht mehr. Das führt dann meist zu herben Enttäuschungen und auch zu einer Überforderung.

Dass Soziale Medien auch die Beziehungen zu unseren Mitmenschen oder unseren Partnerschaften verändert, ist somit fast unausweichlich. Denn durch Facebook, Snapchat, Instagram u.v.m. kennen wir zumindest das Leben, in das der uns oft „unbekannte“-Freund Einblick gewährt und das kann schon eine ganze Menge an Information sein. Weiters können wir permanent und praktisch unbeaobachtet durch das Schlüsselloch schauen. Manchmal sehen wir dann Dinge, die wir vielleicht lieber nicht gesehen hätten und manchmal erfahren wir auch Vorlieben der jeweiligen Person, die uns so manches verrät. Ein bisschen kann hier auch der Zauber, den anderen für sich zu entdecken, verloren gehen. In Partnerschaften besteht die Gefahr auch zusätzlich verunsichert zu werden. Denn wenn man möchte, kann man fast jeden Schritt des eigenen Partners oder des neuen Schwarms verfolgen. Was oder wer gefällt ihm? Warum hat er Zeit hier zu antworten oder da zu posten und mir nicht?… Wenn eine Beziehung nicht sicher ist und Misstrauen da ist, werden soziale Medien heutzutage immer öfter ein Problemfaktor bis hin zu einem Trennungsgrund.

Eine neue Form der Kontrolle durch Soziale Medien – Es kommt durch sie Sozialen Medien einfach ein zusätzlicher Faktor dazu, der Kontrolle ermöglicht und Kontrolle hat noch keiner Beziehung geholfen. Hier sind Eigenverantwortung und selbstbestimmtes Verhalten die Schlagwörter. Denn es geht nicht nur darum, dass wir für uns entscheiden können, wann wir online oder offline sein möchten, sondern auch wann wir Nachrichten beantwortenWir dürfen entscheiden, was wann gerade Sinn macht.

Wenn wir unseren Freunden auch eigenverantwortliches Verhalten zu gestehen, werden wir kein Thema haben, wann wir eine Antwort erhalten.

Was dies allerdings meist schwierig macht ist, wenn wir das Nicht-Antworten auf uns beziehen. Hier kann dann schnell ein Gedankenkarussell entstehen und wenn dann tatsächlich eine Antwort kommt, haben wir uns schon in ein mögliches Beziehungsdrama hineingedacht und Streitigkeiten sind vorprogrammiert.

Aber es kann auch zu dem Gefühl kommen ständig und immer erreichbar sein zu müssen. Fühlen wir uns „gezwungen“ jeden Anruf, Sms oder auch Email sofort zu beantworten, ist es soweit, dass wir lernen dürfen Grenzen aufzuziehen und auch einmal „Nein“ zu sagen. Hier macht es Sinn hinzusehen, was es für uns selbst bedeutet immer „parat“ stehen zu müssen – das Thema Kontrolle spielt dabei auch eine große Rolle. Was passiert, wenn wir nicht sofort und jedem antworten? Wenn wir nicht alle Fäden in der Hand haben oder wenn wir nicht sofort eine Antwort erhalten? Dieses Verhalten verrät einiges über unsere gelernten Muster. Höchste Zeit zu sich zu schauen und herauszufinden woher das kommt, um wieder eine wohltuende Gelassenheit und das Selbstvertrauen zu finden, dass es nicht immer mit uns zu tun hat, weswegen wir nicht in der Sekunde eine Antwort erhalten oder wenn wir mal nicht sofort parat stehen.

Ist die digitale Kommunikation mutiger? Auf alle Fälle. Denn man kann in den eigenen Vier Wänden geschützt und ohne sein „Gesicht“ zeigen zu müssen drauf los schreiben, beurteilen und (be)werten… Und das alles mehr oder weniger anonym und ohne Gefahr zu laufen sich dafür rechtfertigen zu müssen. Dadurch fühlt man sich meist stärker und kann die „Größe“, die man im normalen Leben nicht hat, auf einmal leben. Auch die Masse macht mutiger – leider auch um auf so mancher Shitstorm-Welle mit zuschwimmen. warum als einziger nichts sagen, wenn man endlich ein Forum hat? Traurig aber leider Realität.

Man darf aber nicht vergessen, dass dies auch im positiven Sinne funktioniert – die Hilfsbereitschaft und die Anteilnahme kann genauso groß und überwältigend sein und man bekommt schnell das Gefühl durch seinen Schmerz getragen zu werden, nicht mehr allein mit seinem Schicksal zu sein. Es gibt wie sooft im Leben immer zwei Seiten.

Vermeintliche Nähe durch Social Media – Ja und nein… Wir fühlen uns Personen, die uns zumindest virtuell schon in ihre eigenen Vier Wände eingeladen, ihre Familien und Freunde vorgestellt und uns mit auf Urlaub genommen haben näher als wir ihnen tatsächlich sind.

Wir bauen dadurch eine scheinbare Vertrautheit auf, die erst im realen Leben erprobt werden darf. Hier geht es aber auch um – wie viel möchte ich Preis geben, in welche Bereiche lasse ich hineinschauen… ich stimme ja dieser Intimität zu oder wünsche sie mir auch, wenn ich diese Bilder und Informationen über mein Leben hoch lade. Auf der einen Seite hebt es – allerdings meist nur scheinbar – den Selbstwert. Denn wir geben ja nur das von uns preis, was wir dem Außen zeigen möchten. Das heißt wir stellen uns so dar, wie wir gerne wären und gesehen werden möchten. Wir zeichnen das perfekte Bild von uns – ein Bild, dem wir aber nicht immer entsprechen. Wir sind Menschen und haben mal gute und mal schlechte Tage, tragen unsere Päckchen mit, die wir aber gerne verbergen. Leider bietet genau dieses präsentierte Leben in den Sozialen Netzwerken dann auf der anderen Seite auch jede Menge Raum für Neid und eine verschobene Wahrnehmungen, wie das Leben der anderen so ist. Wir sehen die tollsten Urlaube, die besten Beziehungen, die intaktesten Familien und fragen uns: warum die anderen, das alles so wunderbar hinbekommen und wir nicht. Wir laufen Idealen nach, die es so im Leben nicht gibt, obwohl wir sie ständig auf einem silbernen Tablett direkt zu uns nach Hause geliefert bekommen… das kann frustrierend sein. Durch die Sozialen Medien verschiebt sich das Bild auf die anderen und das eigenen Leben. Es kann mitunter auch ganz schön frustrierend sein, auch wenn wir wissen oder zumindest ahnen, dass diese Bilder nicht immer das Leben der anderen spiegelt.

Hier ist es wirklich wichtig, sich auch bewusste Pausen von den Sozialen Medien zu gönnen, wieder raus in die Natur, sich auf eine Bank zu setzen und sei es nur für 10 Minuten… sich wieder zu spüren, das eigenen Leben mit seinen Höhen und Tiefen anzunehmen und vor allem wieder aktiv das eigene Leben zu gestalten und in Angriff nehmen.

Eigenverantwortliches Handeln und Selbstliebe sind hier die Stichworte… wie viel tut mir gut, wann und wo ziehe ich meine Grenzen, wie sehr schaffe ich es „Nein“ zu sagen, wie sehr stehe ich in Abhängigkeit einerseits zu entsprechen und andererseits mich über die Medien zu definieren?

Alles Themen, die im Coaching und in der Beratung beleuchtet werden und die uns die Möglichkeit geben wieder zu uns zu finden, um wieder ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen.

Kurz zusammengefasst: Durch Soziale Medien sind wir umso mehr gefragt uns ganz bewusst auf uns zu besinnen, Grenzen klar abzustecken und vor allem mehr aus der eigenen Freude heraus als aus der Pflicht zu machen und last but not least im Hier und Jetzt zu leben!